August 2006
Erste Hilfe: Kein Job für Angsthasen
Lebensrettender Rhythmus
Eine Stunde später: Eine Dame liegt zu meinen Füßen. An sich eine feine Sache, das Problem hier allerdings: Ihr fehlen die Beine und sie riecht stark nach Gummi. Außerdem hat sie 18 Gesichter – aus hygienischen Gründen –, für jeden Teilnehmer wird ein neues auf die Plastikhalterung gesteckt. An dieser Puppe sollen wir Wiederbelebungsmaßnahmen üben und dabei den richtigen Takt finden. Schon nach einigen Versuchen wird es anstrengend. Ich bemühe mich, den Rhythmus hinzukriegen: Zweimal beatmen, 15-mal drücken, wieder beatmen… Nach fünf Durchgängen steht mir der Schweiß auf der Stirn. „Wie lange noch?“, frage ich. „Wenn es sein muss, eine halbe Stunde lang. Aber haben Sie überhaupt schon den Rettungsdienst gerufen?“, fragt der Seminarleiter mit einem Augenzwinkern.
Beim Verschnaufen erfahre ich, dass jeder Mensch beim Einatmen über die Luft 21 Prozent Sauerstoff aufnimmt, aber eigentlich nur vier davon braucht. Deshalb atmen wir 17 Prozent wieder aus. Genug, um einem anderen Menschen neues Leben einzuhauchen.
Rollenspiel ohne Demokratie
Zweiter Tag, das gleiche Prinzip: fragen, erinnern, korrigieren, ergänzen, ausprobieren, fragen. Heute geht es um offene Wunden, Schockzustände, Verbrennungen und Erfrierungen. Kein Horrorszenario wird ausgelassen und wieder lernen wir allerhand Wissenswertes: Gegenstände dürfen bei tiefen Wunden nicht herausgezogen werden. Abgetrennte Körperteile sind einzusammeln und in einer Tüte aufzubewahren. Wenn möglich soll man sie verschlossen in eine weitere Tüte stecken, die mit Eis gefüllt ist – schöne Aussichten am frühen Morgen. Weiter geht es mit einem Rollenspiel: Zwei Verletzte werden gefunden, eine Gruppe Helfer muss sich die notwendigen Schritte über-legen. Was ist am wichtigsten, wer ruft den Notruf an, welcher Verband muss her? Automatisch übernimmt einer die Führung. Das muss auch im Notfall so sein. „Bei der Ersten Hilfe gibt es keine Demokratie“, klärt uns der Ausbilder auf. Er ist zufrieden: Alles in allem haben die Rollenspieler das Gelernte in dieser speziellen Situation richtig umgesetzt.
Am Ende des Seminars habe ich eine Menge dazugelernt. Aber werde ich den Mut haben, es im Ernstfall auch anzuwenden? Zum Beispiel wenn ein Betrunkener ohnmächtig in seinem Erbrochenen liegt? Die Teilnehmer diskutieren über ähnliche Fälle. Jeder hat seine eigenen Bilder im Kopf – und seine persönlichen Ängste. Abschließend wünscht uns der Seminarleiter: „Ich hoffe, dass Sie das Gelernte nie anwenden müssen, weder im Beruf noch privat.“ Das wünschen wir uns auch, aber es ist beruhigend zu wissen: Wären wir Zeuge eines Unfalls – wir müssten nicht hilflos daneben stehen.
Christian Donner,
redaktion@arbeit-und-gesundheit.de




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