Februar 2010
Jetzt reicht's
Endlich! Die Schule ist vorbei und der Berufsalltag beginnt. Ein spannender Lebensabschnitt mit vielen neuen Eindrücken und Erfahrungen. Leider fühlen sich nicht alle Auszubildenden an ihrem Arbeitsplatz gut aufgehoben. Einige sind vom ersten Tag an überfordert und im Dauerstress, andere haben so tiefgreifende Probleme mit Kollegen oder Vorgesetzten, dass sie auf dem besten Wege sind, körperlich oder psychisch krank zu werden.
Stress„Ich bin im zweiten Lehrjahr eines kaufmännischen Berufes […]. Ich arbeite in einem sehr kleinen Betrieb und nach der Wirtschaftskrise geht es uns noch schlechter als vorher. Das bedeutet: Kurzarbeit für eine Kollegin und ansonsten gibt es nur noch meinen Chef und mich. Da mein Chef oft Außentermine wahrnimmt und im Sommer auch im Urlaub war, wurde die ganze Arbeit auf mich abgewälzt.[…] Natürlich sind mir öfter Fehler passiert und ich musste die ganze Verantwortung dafür tragen. Ich […] nehme mir die Kritik sehr zu Herzen, obwohl ich weiß, dass sie meistens nicht gerechtfertigt ist. Mit meinem Chef hatte ich jetzt schon drei Gespräche,wo ich ihm sagte, dass ich so nicht mehr weiterarbeiten kann und am Ende bin.[…] Sehr oft muss ich unter Zeitdruck arbeiten. Ich mache sogar immer freiwillig Überstunden.[…] Ein weiteres Problem ist, dass mein Chef sehr launisch ist. Einmal ist er total gut drauf und dann motzt er nur herum […], sagt Dinge wie: ,Ich kann dir nicht mehr vertrauen‘, ,Du hast total abgebaut seit dem letzten halben Jahr‘ oder ,Ich bin sehr enttäuscht von dir.‘ Dabei mache ich wirklich alles, was ich kann und hänge mich rein. Solche Aussagen empfinde ich als sehr respektlos meiner Arbeit gegenüber und das verletzt mich total.“
(Auszug aus einer Mail an www.dr-azubi.de, M. vom 17.11.2009).
© i stock Expertenwissen es schon lange: Unsere Arbeit geht nicht mehr so sehr auf die Knochen, sondern belastet eher die Psyche. Psychisch bedingte Arbeitsausfälle haben sich in den letzten zwanzig Jahren fast vervierfacht – Tendenz steigend. Die häufigsten Erkrankungen dabei sind laut BKK Gesundheitsreport Angststörungen und Depressionen. Die treten zwar überwiegend bei älteren Arbeitnehmern auf, aber auch Azubis sehen sich Stress, Mobbing oder sogar gewalttätigen Angriffen an ihrem Arbeitsplatz ausgesetzt – und leiden. Das passiert oft im Verborgenen, weil sie sich nicht trauen, etwas gegen die Kollegen oder den Chef zu unternehmen – und dabei eventuell ihren gerade erst ergatterten Ausbildungsplatz aufs Spiel zu setzen.
Stress, Mobbing oder Gewalt – Was ist Was?
© Ingram Publishing Jeder kennt den Spruch: „Heute habe ich echt viel Stress.“ Es gehört schon fast zum guten Ton, „Stress“ zu haben. Egal ob im Job oder in der Freizeit: Wer keinen Stress hat, ist eine Schlafhaube, ein Looser, ein „MoF“ (Mensch ohne Freunde) und verpennt sein Leben. Echter Stress, der auf Dauer krank macht, ist allerdings etwas völlig anderes. Arbeitsmediziner und Psychologen definieren ihn als ein Gefühl, die Anforderungenmit den persönlich verfügbaren Mitteln nicht bewältigen zu können. „Stressen“ und überfordern können zu viel beziehungsweise die falsche Arbeit ebenso wie anhaltende Streitereien unter Kollegen. Die Folgen reichen von Müdigkeit und Konzentrationsschwäche über Nervosität und Unruhe bis hin zu körperlichen Beschwerden wie Magenschmerzen, Verspannungen, erhöhter Infektanfälligkeit, Sucht- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Aber auch Unterforderung kann unzufrieden machen und Beschwerden auslösen. „Die gefühlte Belastung ist abhängig von der jeweiligen Qualifizierung und Erfahrung, von der Motivation und den persönlichen Fähigkeiten, mit Stress umzugehen“, sagt Dr. Rolf Manz, Experte für psychische Gesundheit am Arbeitsplatz bei der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV). „Im besten Fall motiviert uns eine solche Situation und wir erweitern unsere fachliche Kompetenz. Im schlechtesten Fall aber wird der Stress zu groß und beeinträchtigt unsere Gesundheit und das Wohlbefinden.“