Juli 2008: Gewalt bei der Arbeit
„Einfach da sein und zuhören“
Rüpeleien, Schläge, Kratzer und Bisse hinterlassen nicht nur körperliche Spuren bei den Opfern: Die Gewalterfahrungen verletzen auch die Seele. Arbeitspsychologe Jan Hetmeier erklärt die Folgen von Gewalterfahrungen, was im Ernstfall zu tun ist und wie sich das Risiko für Übergriffe verringern lässt.
Herr Hetmeier,wie reagieren Menschen,wenn sie Opfer von Gewalt werden?
Das ist von Mensch zu Mensch verschieden und hängt auch davon ab, wie schlimm und bedrohlich das Erlebte war. Viele Opfer kommen eigentlich ganz gut zurecht. Nach der ersten Aufregung stellt sich schnell wieder Normalität ein. Andere bekommen die Bilder nicht mehr aus dem Kopf und erleben das Ereignis immer wieder neu. Das belastet undmacht Angst. Hinzu kommen Schlaflosigkeit, Konzentrationsprobleme und ein ständiges Aufgedrehtsein. Werden diese Symptome nicht rechtzeitig erkannt und behandelt, drohen schwere psychische Erkrankungen wie Depressionen, Angstzustände oder posttraumatische Belastungsstörungen.
Was kann ich tun,wenn eine Kollegin oder ein Kollege angegriffen oder verletzt wurde?
Auch bei seelischen Verletzungen gilt: Die Wunde muss schnell versorgt werden. Deswegen steht am Anfang die psychologische Erste Hilfe. Das ist gar nicht so schwierig, wie man denkt. Das tröstende Wort ist hier das Pflaster, der Verband das Einfachda-sein-und-Zuhören. Ganz wichtig: Tun, was dem Betroffenen gerade gut tut. Zur Not einfach fragen: „Was möchtest Du jetzt am liebsten machen?“ Am besten, man begleitet den Kollegen dann noch nach Hause und übergibt ihn der Obhut seiner Familie, seiner Freunde, seines Partners.
Und der Arbeitgeber?
Sein Job ist es, dafür zu sorgen, dass sich die Wunde nicht „entzündet“. Hier erlebe ich oft Hilflosigkeit. Einen Tag Sonderurlaub und eine Packung Pralinen nach einem überstandenen Tankstellenüberfall ist zwar nett gemeint, aber nicht der richtigeWeg. Es gibt leider zu viele Chefs, die solche Vorfälle nicht ernst nehmen und die psychischen Folgen von Gewaltereignissen unterschätzen. Der Arbeitgeber muss zeigen: Wir nehmen das nicht auf die leichte Schulter, wir kümmern uns. Er sollte in regelmäßigen Abständen beim Mitarbeiter nachfragen, wie es ihm geht und Gesprächsbereitschaft signalisieren.
Er sollte ganz besonders sensibel sein für Veränderungen im Arbeits- und Sozialverhalten. Meldet sich der Mitarbeiter häufiger als sonst kurzfristig krank? Geht er nicht mehr mit den Kollegen in die Mittagspause?
Und: Der Arbeitgeber darf nicht vergessen, eine Arbeitsunfallmeldung an die Berufsgenossenschaft beziehungsweise die Unfallkasse zu schicken. Über die gesetzliche Unfallversicherung kommt man an speziell ausgebildete Psychologen, die helfen, wenn sich psychische Erkrankungen entwickeln.
Was kann und soll ich tun,wenn ich selbst Opfer wurde?
Viel über das Erlebte reden.Mit den Freunden, der Familie, den Kollegen. Reden entlastet, denn mitteilen heißt immer auch teilen.Wenn das nicht hilft: So früh wie möglich zum Psychotherapeuten gehen. Welche Therapeuten in der Nähe sind, wissen die Krankenkasse beziehungsweise die Berufsgenossenschaft. Schnelle Hilfe bekommt man auch von der Polizei. Die hat in jeder Region Opferschutzbeauftragte, die weiterhelfen.
Lassen sich gewalttätige Übergriffe imVorfeld verhindern?
Das hängt ganz stark von der Branche und der Art des Ereignisses ab. Beispiel Banken: Hier gibt es seit Jahren ausgeklügelte Sicherheitssysteme. Trotzdemgab und gibt es immer wieder Überfälle. Das wird nie ganz zu verhindern sein.
Mehr Möglichkeiten zur Vorbeugung sehe ich bei Gewalt durch Kunden, zum Beispiel auf dem Sozial- oder Arbeitsamt. Die meisten Leute kommen nicht aufs Amt, um Randale zu machen. Die Aggressionen entwickeln sich oft im Laufe des Gesprächs. Hier hilft es, die Mitarbeiter zu schulen und ihnen beizubringen, woran sie aggressive Personen erkennen und welche Verhaltensweisen verhindern, dass sich die Situation aufschaukelt. Ein Schwerpunkt liegt immer auf der Kommunikation: Was muss ich sagen, wie muss ich mich verhalten, um das Gegenüber zu beruhigen? In manchen Schulungen lernen die Teilnehmer auch, sich selbst zu verteidigen.
Wer führt solche Schulungen durch?
Einige Berufsgenossenschaften, Unfallkassen, Polizeidienststellen und private Dienstleister bieten Schulungen zum Thema Deeskalation an. Daran können und sollen natürlich auch Azubis teilnehmen. Je früher und öfter man lernt, wie man sich in brenzligen Situationen zu verhalten hat, desto souveräner kann man im Ernstfall reagieren.




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